Die Entscheidung

DIE NEUE LINK

Was, wenn du im falschen Moment die falsche Entscheidung triffst?

Eigentlich will Simon mit seinen beiden Kindern in Südfrankreich ein ruhiges Weihnachtsfest feiern. Doch dann kommt alles ganz anders: Die Kinder sagen ihm kurzfristig ab, seine Freundin gibt ihm den Laufpass, und auf einem Strandspaziergang begegnet er einer jungen, völlig verwahrlosten Frau: Nathalie, die weder Geld, Papiere noch eine Unterkunft hat und hochgradig verängstigt ist. Sie tut ihm leid, und er bietet ihr seine Hilfe an. Nicht ahnend, dass er durch diese Entscheidung in eine mörderische Geschichte hineingezogen wird, deren Spuren bis nach Bulgarien führen.

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GOUSSAINVILLE, FRANKREICH, MONTAG, 7. DEZEMBER

Sie brauchte tatsächlich nur ein paar Sekunden, um das Türschloss zu öffnen. Mithilfe eines Drahtes, den sie geformt und gebogen hatte, genau so, wie es ihr Boris, ihr großer Bruder, vor vielen Jahren gezeigt hatte. Sie war noch ein kleines Mädchen gewesen, Boris hingegen schon erwachsen, und jeder, der seine speziellen Hobbys kannte, hätte vermutlich darauf gewettet, dass er eines Tages eine kriminelle Karriere hinlegen würde: Er übte beständig, Türschlösser zu knacken oder Fenster aufzuhebeln, und er hatte beachtliche Fähigkeiten darin entwickelt. Aber schließlich war er ein grundsolider Tischler geworden. Es hatte nie auch nur die geringste Gesetzesübertretung in seinem Leben gegeben.

Selina schob die Tür auf, huschte in das Zimmer, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich kurz von innen dagegen. Bislang lief alles nach Plan, vor allem vollkommen lautlos. Trotzdem wusste sie, dass sie jeden Moment entdeckt werden konnte, und dass sie dann vermutlich am besten mit dem Leben abschloss. Wenn Sergej und Igor sie bei einem Fluchtversuch erwischten, war sie so gut wie tot.

Ihre Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, die in dem Zimmer herrschte. Eine Straßenlaterne, die unmittelbar hinter der Grundstücksgrenze stand, spendete ein wenig Licht, gedämpft von einem Baum, der sie zur Hälfte verdeckte. Nur schattenhaft konnte sie die Umrisse der Gegenstände im Raum wahrnehmen: Schreibtisch, Regale, ein Aktenschrank. Taisias Zimmer. Taisia war die Schlimmste. Sergej und Igor waren brutale Schläger, aber Taisia war der kluge Kopf dahinter, vollkommen kalt, skrupellos und ohne den Anflug eines Gewissens. Hier im Haus war sie die Chefin. Und jeder tat, was sie sagte.

Selina hatte ein einziges Mal im Vorbeigehen einen kurzen Blick in Taisias Büro werfen können, weil tatsächlich minutenlang die Tür nur angelehnt gewesen war, und dabei hatte sie gesehen, dass die Fenster nicht vergittert waren – wie sonst überall im Haus. Die Haustür war mit mehreren Zusatzriegeln versehen, sämtliche Fenster zudem durch abgeschraubte Griffe gesichert. Es gab kein Entkommen, jedenfalls keines, das nicht mühselig und umständlich und mit jeder Menge Lärm verbunden gewesen wäre. Was bedeutete, man konnte jeden Fluchtversuch vergessen.

Nur dieses eine Zimmer war eine Chance, das Zimmer, in dem Taisia arbeitete … Offenbar hatte sie ein Problem mit Gittern. Und mit abgeschraubten Griffen. Wahrscheinlich wollte sie gelegentlich frische Luft in ihr Büro lassen. Dafür hielt sie die Tür sorgfältig verschlossen, zog den Schlüssel immer ab. Und trug ihn wahrscheinlich stets bei sich.

Aber jetzt hatte sie sich bereits zum Schlafen zurückgezogen. Die anderen Mädchen waren unterwegs. Sergej und Igor saßen in dem kleinen Raum neben der Küche und spielten Karten. Selina wusste, dass es ihnen strikt verboten war, Alkohol zu trinken, daher brauchte sie nicht zu hoffen, dass sie sich langsam zulaufen ließen und an Wachsamkeit und Reaktionsvermögen verloren. Sie waren vollkommen nüchtern und so gefährlich wie scharfe Hunde. Wenn einer von ihnen auf die Idee kam, nach ihr zu sehen …

Ihr brach bei dieser Vorstellung der Schweiß aus. Sie durfte über diese Möglichkeit jetzt nicht nachdenken, sie bekam dann weiche Knie, geriet in Panik und machte ganz sicher irgendeinen furchtbaren Fehler.


Charlotte Link

Charlotte Link

Charlotte Link, geboren in Frankfurt/Main, ist die erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart. Ihre Kriminalromane sind internationale Bestseller, auch Im Tal des Fuchses und zuletzt Die Betrogene eroberten wieder auf Anhieb die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Allein in Deutschland wurden bislang über 26 Millionen Bücher von Charlotte Link verkauft; ihre Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Charlotte Link lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt/Main.

"Ihr Markenzeichen sind psychologische Krimis, klug konstruierte Pageturner, […] in denen die Aufklärung von Morden genauso viel Raum einnimmt wie die seelische Welt der Figuren."
Brigitte

"Die Meisterin der Täuschung heißt Charlotte Link. [Sie] schreibt so gut und so britisch, dass selbst ihre englische Kollegin Minette Walters vor Neid erblassen würde."

SWR

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